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RASSISTIN? ICH?

Kritik an rassistischen Wörtern ist richtig. Verletzte Journalistenstölzlein nicht. (Das Bild zeigt das Cover der Zeit 17. Januar 2013)
Vor ein paar Jahren besuchte ich in Wien ein Café und entdeckte dort auf der Karte „Mohr im Hemd“ mit einer leckeren schokoladigen Beschreibung. Ich hatte aber bereits bestellt und schrieb später auf Facebook: „Das nächste Mal in Wien möchte ich Mohr im Hemd essen.“ Es hagelte Kritik. „Mohr“ sei eine rassistische Bezeichnung für Schwarze. Einer schrieb, ich sei eine Rassistin.
Aber, aber, schrieb ich, das hätte ich doch nicht so gemeint. Ich fühlte mich zu Unrecht kritisiert. Ich hatte doch keine böse Absicht.
In den letzten Wochen tobte es in der deutschen Feuilletonlandschaft. Nach der Ankündigung des Verlegers des Kinderbuchs „Die kleine Hexe“, in der neuen Ausgabe unter anderem das N-Wort zu ersetzen, veröffentlichte die Wochenzeitung Zeit eine Titelgeschichte zu dem Thema. Nicht nur dort, sondern auch anderswo verteidigten zahlreiche Feuilletonisten das N-Wort, und so manch einer witterte Zwang, gar Zensur.
Diese neue politische Korrektheit verunsichert. Wenn ein rassistisches, sexistisches, homophobes oder sonst wie diskriminierendes Wort in Zeitungen auftaucht, gibt es Furore in Blogs, Kommentaren und Leserbriefen. Das ist so im Zeitalter des Internets. Kritiker müssen nicht mehr auf die Veröffentlichung ihres Leserbriefs hoffen, sie können in aller Öffentlichkeit für alle einsehbar in Blogs schreiben. Das Machtgefälle hat sich verändert, das verunsichert.
Es geht hier deshalb nicht nur um eine neue politische Korrektheit, sondern auch um eine neue Verunsicherung. Darum, dass Journalisten und Schriftsteller angreifbarer geworden sind. Was darf man denn jetzt noch sagen? Dann folgt der Ärger über diese Unsicherheit und dann die Stellvertreterdebatte darüber, warum das N-Wort in der „Kleinen Hexe“ erhalten bleiben müsse.
Aber die Rassismuskritiker könnten auch mal verständnisvoller kritisieren, heißt es dann. Schließlich habe man ja keine bösen Absichten. Ich bin mir sicher, dass Sarrazin keine bösen Absichten mit Deutschland hat. Und Buschkowsky will sicher auch nur das Beste für Neukölln. Aber die Welt endet glücklicherweise nicht dort, wo unser intellektueller Horizont aufhört.
Zugegeben, ich fand’s nicht nett, wie man mir erklärte, dass meine Wortwahl politisch nicht korrekt sei. Aber „Mohr im Hemd“ ist auch kein netter Ausdruck. Er ist rassistisch. Und der Schaden, den diese Wörter verursachen, ist größer und ernster zu nehmen als mein vorübergehend verletzter Stolz. Und wäre die Kritik sanfter gewesen, hätte ich sie dann wahrgenommen? Ich weiß es nicht. Würden sämtliche Zeitungen über die Verwendung des N-Wortes debattieren? Bezweifle ich. Hätte ich mich damals mit der rassistischen Sprache auseinandergesetzt und versucht, aus meinem Fehler zu lernen? Vermutlich nicht.
Unsicherheit ist wichtig, damit wir uns und unsere Sprache reflektieren. Was bewirken wir mit dem, was wir sagen – auch wenn wir es nicht so meinen? Wenn wir ernsthaft gegen Rassismus vorgehen wollen, dann gehört das mit dazu.
„Mohr im Hemd“ muss „Schokohupf“ heißen. Und hätte ich damals mal richtig nachgelesen, wäre mir aufgefallen, dass ich ihn als Muslimin ohnehin nicht hätte essen können. Da ist Rotwein drin.

journalist, columnist and author of this blog. a turkish-german muslim juggling politics, feminism, cyberculture and life between germany, istanbul, oxford & the world.

Comments

  • Februar 5, 2013
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    zwar als Kübra-fan bereits gelesen, aber immer wieder nett in deinem lockeren Stil von solch großen Themen lesen zu können :) Ich mag deine Texte immer sehr gern :) Keep up the good work :)

  • Februar 6, 2013
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    Äh, ich glaube, das Bild könnte man auch als rassistisch bezeichnen. Aber ich habe kein Interesse, andere Bloggerinnen zu denunzieren, keine Sorge.

    Dich aber rassistisch zu nennen, weil Du die gängige österreichische Bezeichnung referierst, erscheint mir etwas gewagt. Aber natürlich ist die Bezeichnung schlimm, und ich hätte Hemmungen, einen Schokohupf unter dem besagten Namen zu bestellen.

  • Februar 6, 2013
    reply

    Ich denke, bei historisch gewachsenen, sozusagen “schmunzelnden” Titulierungen wie dem berüchtigten oberhalb der Gürtellinie bekleideten stark-pigmentierten Mitbürger (aka “Mohr im Hemd”) kann man schon einmal ein Auge zudrücken. Es hat mich auch irgendwie traumatisiert, als während meiner späten Kindheit plötzlich die “Mohrenköpfe” verschwanden und gegen “Schaumküsse” eingetauscht wurden. (Die schmecken auch ganz anders.) Vor ein paar Jahren verschwanden auch die “Zehn kleinen Negerlein” aus dem Bücherregal, als Agatha Christies auf dem gleichnamigen Kinderlied basierendes Buch neu aufgelegt wurde.

    Andererseits ist es natürlich so, dass auch und gerade diese Debatten interessant sind für all diejenigen, die später unsere Generation erforschen.

    • Oktober 8, 2013
      reply

      Christian

      Ich war mir gar nicht bewusst, dass Worte wie “Mohr” oder “Neger” politisch inkorrekt sind.
      Das eine war für mich ein veralteter Begriff, das andere einfach ein Wort.
      Ich finde “stark-pigmentierter Mitbürger” (klinge ein bisschen nach Verarsche) oder “Farbiger” (klingt mehr nach bunt denn als dunkelhäutig) zu verwenden ist einfach nur unehrlich und heuchlerisch.
      “Mohrenköpfe” oder “Negerküsse” (wie sie hier in der Gegend genannt wurden) umzubenennen oder das “kleine Negerlein” aus der kleinen Hexe zu verbannen finde ich albern. Damit wird Worten, die nie böse gemeint waren, eine Giftigkeit verliehen, die sie nicht verdienen und gleichzeitig dem “Wortbenutzer” eine Gemeinheit unterstellt, die dieser wahrscheinlich nie beabsichtigt hat.
      Ich habe Freunde aus anderen Kulturkreisen. Sie unterscheiden sich von mir oder der deutschen Norm in Religion, Hautfarbe, Aussehen, sexuellen Orientierung und/oder Muttersprache. Na und?

      (Mir ist bewusst, dass es Schimpfnamen gibt die verletzend gedacht sind, diese sind aber normalerweise eindeutig-aggresiver und Gott-Sei-Dank auch noch nicht in den Sprachgebrauch alter Kinderbücher aufgenommen)

  • Februar 6, 2013
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    Liebe Trippmadam,

    das Bild zeigt das Cover der Zeit, bei der es um diese Debatte ging.
    Woanders schrieb ich zu deinem zweiten Kommentar:
    “Lieber X, wenn jemand “fette Frau” sagt und das aber absolut süß und freundlich meint, dann ändert das nichts an der Verletzung, die dieses Wort erzeugt. Es geht mir auch gar nicht darum, dass man jeden, der das N-Wort verwendet, Rassist schimpfen soll, sondern darum, dass verstanden wird, dass das Wort verletzt – selbst wenn’s nett gemeint ist. Zu einem toleranten und friedlichen Miteinander gehört auch das Bewusstsein für unbewusste Fehler und Verletzungen, die wir anderen zufügen. Gleich eine rassistische Grundhaltung zu wittern kann auch verletzend sein, deshalb finde ich es wichtig, deutlich zu sagen: Das Wort ist rassistisch. Nicht aber unbedingt der Mensch.”
    Vielleicht ist diese Ergänzung wichtig. :)

  • Februar 6, 2013
    reply

    Liebe Kübra,

    ach so, in diesem Bildausschnitt habe ich das Zeit-Cover nicht wiedererkannt, hatte es auch nicht mehr in Erinnerung.

    Du schreibst: “Gleich eine rassistische Grundhaltung zu wittern kann auch verletzend sein, deshalb finde ich es wichtig, deutlich zu sagen: Das Wort ist rassistisch. Nicht aber unbedingt der Mensch.” Ja, das sehe ich ganz genauso, aber das kommt in der Debatte meiner Meinung nach zu kurz.

  • April 28, 2013
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    beibingyang

    Eine Randbemerkung aus Wien: Die besagte Süßspeise findet man in den österreichischen Speisekarten inzwischen immer öfter unter dem Namen „Schokohupf mit Schlag“. :-)

  • September 6, 2013
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