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Kübra Gümüşay

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Bei Interviewanfragen, Lesungen und alle anderen Fragen zu meinem Buch “Sprache und Sein”
hilft Ihnen gerne mein Verlag weiter:

Hanser Berlin

Thomas Rohde
thomas.rohde@hanser.de, +49 30 252 948 015

DICHTUNG
& WAHRHEIT

If I didn’t define myself for myself,
I would be crunched
into other people’s fantasies for me
and eaten alive.”

– AUDRE LORDE

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EDIT
Das FAQ habe ich erstmals 2018 angelegt
und seither stetig überarbeitet.

Seit Jahren bekomme ich die gleichen, längst widerlegten Vorwürfe zu hören. Diese Seite beantwortet mögliche Fragen.

1.
ALEVIT*INNEN-
& KURD*INNEN-
FEINDLICHKEIT

Mir wird vorgeworfen, ich sei kurd*innen- und alevit*innenfeindlich. Das Hauptargument: Ich würde zur Unterdrückung von Minderheiten in der Türkei schweigen. Doch das ist falsch. Im Gegenteil: In meinem Buch “Sprache und Sein” (2020) habe ich die Unterdrückung von Kurd*innen in der Türkei thematisiert, da mir die Bekämpfung von Rassismus nicht nur in Deutschland ein Anliegen ist. Der Rassismus und die Diskriminierung, die Alevit*innen, Kurd*innen, Armenier*innen, Ezid*innen, Jüd*innen und andere Minderheiten in der Türkei erfahren, ist massiv. Zu viele Traumata, Tote, Gewalt & Unterdrückung. Auch in Deutschland erfahren sie in türkeistämmigen Communities Diskriminierung und Rassismus, die nicht hingenommen werden dürfen.

Ich bin dankbar für alle meine kurdischen, alevitischen, ezidischen Freund*innen, die mir dabei helfen, mich in dieser Hinsicht stetig weiter zu sensibilisieren. Denn Sensibilisierung ist ein andauernder, nie endender Prozess.

Ein paar konkrete Punkte, auf die ich in diesem Kontext eingehen will:

Begründet wird der Vorwurf mit der Nennung eines türkischen Dichters in meinem Buch “Sprache und Sein” [1]. Leider waren mir dessen alevitenfeindliche, antisemitische und andere mit meinen Überzeugungen nicht vereinbare Äußerungen nicht bekannt. Sobald ich davon erfuhr, entfernte ich seinen Namen aus dem Buch (bereits nach der 1. Auflage), thematisierte meinen Fehler öffentlich und bat um Entschuldigung. [Screenshot]

Die Behauptung wird auch damit begründet, ich hätte zur türkischen Militäroffensive in 2019 geschwiegen. Das stimmt nicht, siehe hier.

[1] An dieser Stelle des Buches ging es um die Frage, wie es für die Bewertung von Multilingualität gewesen wäre, wenn wir im Schulunterricht Autor*innen aus unterschiedlichen Sprachräumen besprochen hätten: „Wie hätten sich meine bilingualen Mitschüler*innen – ohne Prestigesprache – entwickelt, hätten wir in der Schule neben Goethe und Schiller auch Emine Sevgi Özdamar, Nazik al-Mala’ika, Maya Angelou, Necip Fazıl Kısakürek, Hafes, Audre Lorde, Ellen Kuzwayo oder Noémi de Sousa gelesen?“ Ich habe ihn also weder zitiert, noch als Person besprochen, sondern lediglich in einer Aufzählung genannt.

Auszug aus “Sprache und Sein” über die Unterdrückung von Kurd*innen in der Türkei.

Zum Lesen bitte auf das Bild klicken.

2.
AKP
ANHÄNGERSCHAFT

Der Vorwurf einer Erdogan- oder AKP-Anhängerschaft stimmt nicht und entbehrt jeglicher Grundlage. Hier sollte ein kurzer Blick in meine zahlreichen öffentlich zugänglichen kritischen Texte, Kommentare und Statements zur türkischen Regierung ausreichen.

Insgesamt hab ich vier Texte zur aktuellen Politik in der Türkei geschrieben. Das sind diese hier:

1. Ein Artikel zu Erdogans frauenfeindlicher Rhetorik (2012)

2. Eine Kolumne über eine Sexarbeiterin aus der Istanbuler LGBTQ-Community (2011)

3. Ein Artikel über die mediale Landschaft und gesellschaftliche Polarisierung (2013) und

4. Eine Kolumne beim NDR, in der ich die Reaktion vieler Deutschtürk_innen nach dem Putschversuch kritisierte und für mehr Solidarität mit Minderheiten in der Türkei warb (2016). Hier ein Ausschnitt: 

“Statt einfach nur zu importieren, könnten wir zumindest versuchen unsere vielfältigen Erfahrungen in die Türkei zu exportieren. Die Ansprüche und Erwartungen, die wir als Minderheiten an unsere Gesellschaft stellen, auch in der Türkei mitdenken: Dass eine Gesellschaft nur so frei und gerecht ist, wie sie es für die Schwächsten und Unterdrücktesten ist. Und dass es die Aufgabe der Mehrheit ist, die Rechte der Minderheit zu wahren und zu schützen. Womöglich könnten wir dabei sogar eine eigene, besonnene, vielfältige und nicht selten in sich zerstrittene Stimme werden.”

Der Vorwurf der Anhängerschaft wird mit lediglich zwei Tweets aus dem Jahr 2013 begründet (siehe unten). Dazu muss man wissen, dass 2013 noch viele Menschen in Deutschland und der Türkei hoffnungsvoll auf die Entwicklungen in der Türkei blickten. So auch ich. Enttäuscht kritisierte ich später in zahlreichen Tweets die AKP Regierung, verteidigte die Gezi Protestierenden und startete sogar eine Petition für sie. Hier nur eine kleine Auswahl meiner Kommentare und Tweets aus dem Jahr 2013, sowie Informationen zur Petition im Tab “Gezi Proteste” und “Beispieltweets”:

GEZI PROTESTE

Während der Gezi Proteste (2013) veröffentlichte ich mit Freundinnen eine Petition: İtidal Çağrısı. Darin forderten wir die Regierung dazu auf, mehr Verständnis für die Gezi-Protestierenden zu haben, und ermahnten sie zu Besonnenheit und Mäßigung: Link zur Petition.

Schon im Juni 2013 wehrte ich mich gegen die Vereinnahmung durch andere und kritisierte jene, die aufgrund des Kopftuchs glauben, man wäre eine blinde und unkritische Gefolgin der türkischen Regierung.

Sage und schreibe zwei Tweets dienen dem Vorwurf als Grundlage:

Tweet 2 ist aus dem Kontext gerissen. Er entstand im Rahmen einer Diskussion (siehe unten), in der ich zu dem Zeitpunkt die Oppositionsparteien als nicht regierungsfähig einschätzte und vorschlug, zunächst die AKP konstruktiv zu kritisieren und parallel die Oppositionsparteien zu stärken.

Doch selbst wenn ich den Tweet so gemeint hätte, wie die Kritiker ihn deuten: Im gleichen Zeitraum schrieb ich Dutzende Tweets, die entweder die AKP Regierung kritisierten, die Gezi Protestierenden verteidigten oder für mehr Verständnis für diese warben. Hier nur eine kleine Auswahl meiner zahlreichen Kommentare und Tweets aus dem Jahr 2013 zu dem Thema im Tab “Beispieltweets”:

BEISPIELTWEETS

Übersetzung: #DringendDemokratie gebraucht – Die Kritiken, die @cuneytozdemir in seinem Artikel schreibt, sind wichtig, sollten gehört werden. Bitte.

Übersetzung: Seine Vorurteile zu überwinden ist die Verantwortung des Vorurteilenden. Würden Sie sich auf der Straße mit den “Anderen” unterhalten, dann würden sie viele Menschen finden, die Sie glücklich machen, habe ich gesagt. :)

Übersetzung: Haben wir nicht vergessen. Aber wir haben falsche Lehren daraus gezogen. Die Lehre derer, die Leid erlebt haben, sollte sein, niemals niemandem, nicht einmal ein bisschen Leid zuzufügen.

Übersetzung: Die Menschen beschimpfen einander so als würden sie nicht morgen miteinander leben müssen… Nicht, dass ihr euch morgen schämt?

Übersetzung: So wie ich nicht vergessen habe, wie mein Urgroßvater heimlich im Wald den Kuran unterrichtete, wie meine Mutter nicht zur Universität gehen konnte, werden einige die heutigen Tage nicht vergessen.

Übersetzung: Lasst uns das Morgen gemeinsam aufbauen. Lasst uns nicht Hass und Feindschaft nähren. Lasst uns in jedem Schritt und Wort an unser Morgen denken. Unsere gemeinsame Zukunft…

Übersetzung: Wäre ich in Istanbul, würde ich mich vor die Polizei stellen und sie anflehen, nicht mehr Gas einzusetzen, und würde die Freunde mit eigenen Händen von dort entfernen.

Übersetzung: Eines Tages ging der Wind eine Wette mit der Sonne ein und sagte: “Siehst du den Mann da unten? Schau, ich werde ihm die Jacke ausziehen.” #geziparki

Übersetzung: Ein vorbildlicher Text. Uns wird ehrliche und aufrichtige Eigenkritik zueinander bringen – wenn alle Teile der Gesellschaft sie üben, natürlich.

Übersetzung: Von Sirri Süreyya Önder “Als ein Armenier, ein Kurde und ein Türke eine Pflaume stahlen…” (Link) #Wir lassen uns nicht teilen.

3.
MILLI
GÖRÜŞ
NÄHE

Ich gehöre weder Milli Görüş noch einer anderen organisierten Religionsgemeinschaft an und bin in keiner Mitglied. Meine Texte und Arbeiten haben eine klare Positionierung bspws. gegen Homo- und Transfeindlichkeit oder Antisemitismus und sind unvereinbar mit den Positionen von Milli Görüş. Eine Nähe zu unterstellen entbehrt jeglicher Grundlage.

Begründet wird der Vorwurf mit folgender Kolumne aus 2012 und folgendem Vortrag in 2016:

› In der Kolumne aus 2012 habe ich an keiner Stelle Milli Görüş verteidigt, sondern mich kritisch zur Rolle und Methodik des Verfassungsschutzes geäußert. Hier nachzulesen. Dies tun übrigens auch zahlreiche Wissenschaftler*innen wie beispielsweise hier

› In dem Vortrag im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus sprach ich über Diskriminierung in islamischen Gemeinden und die Notwendigkeit, sich für die gesamtgesellschaftliche und innermuslimische Pluralität einzusetzen, insbesondere für LGBTQI. 

4.
KONTAKTSCHULD
& INNER
ISLAMISCHE
KRITIK

WAS IST DIE KONTAKTSCHULD-HYPOTHESE?

Ich übe Kritik an patriarchalen, diskriminierenden und unterdrückenden Strukturen in muslimischen Communities (Beispiel 1, Beispiel 2). Die äußere ich aber primär gegenüber Muslim*innen. Und ja, dafür bin ich früher auch dahin gegangen, wo es weh tut.

Aufgrund des Publikums, zu dem ich über diese Themen sprach, wird mir nun Nähe zu den jeweiligen veranstaltenden Organisationen vorgeworfen. Weder habe ich je für diese geworben, noch diese je inhaltlich oder ideologisch annähernd vertreten. Im Gegenteil.

Diese Methodik der Beschuldigung nennt sich Kontaktschuld [2] oder auch guilt by association. Das bedeutet, dass aus einem reinen Kontakt eine weltanschauliche Nähe konstruiert wird. Also: Weil jemensch mit X redet, ist er/sie auch selbst X. 

Das Problem daran ist nicht nur, dass auf Grundlage dieser Verleumdungen ganze Existenzen zerstört werden können. Sondern auch, dass die Kontaktschuld quasi “ansteckend” ist, wie der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer argumentiert

“Eine Organisation X wird auf Grund ihrer Kontakte zur Organisation Y oder der Person Z der Muslimbruderschaft zugerechnet. In Folge sind auch alle anderen Organisationen, die zu X Kontakt haben oder hatten, belastet. Dies gilt auch rückwirkend.”   

Weiterführende Literatur zum Thema Kontaktschuld finden Sie hier und hier.

WARUM BIN ICH IN DIESE GEMEINDEN GEGANGEN?

Weil ich der Überzeugung bin, dass es in einer pluralen demokratischen Gesellschaft notwendig ist, mehr Menschen für ein gerechteres, friedlicheres, plurales, offenes, respektvolleres, rassismuskritisches Miteinander zu gewinnen. Das habe ich versucht. Mit dieser Überzeugung bin ich übrigens nicht alleine. Zahlreiche renommierte Autor*innen, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen tun dies ebenso – ohne (glücklicherweise) dafür derart angefeindet zu werden.

WORÜBER SPRECHE ICH VOR EINEM MUSLIMISCHEN PUBLIKUM?

Wenn ich zu islamischen Organisationen eingeladen bin, dann übe ich selbstverständlich Kritik, spreche über Missstände in den Gemeinden und fordere sie auf, strukturell dagegen vorzugehen. Hier, einige Beispiele:

2016: Bei meinem Vortrag bei Milli Görüs im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus sprach ich u.a. über Diskriminierung in islamischen Gemeinden und die Notwendigkeit, sich für die gesamtgesellschaftliche und innermuslimische Pluralität einzusetzen, so beispielsweise für LGBTQ.

2016: Bei meinem Vortrag bei Vereint im Islam mit dem Titel “Agieren statt Reagieren” ermahnte ich das Publikum, Probleme, die mit dem Islam begründet werden, nicht einfach rhetorisch abzuwehren, sondern aktiv dagegen vorzugehen. Hier ein Auszug aus meinem Skript:

AUSZUG AUS REDE

Gibt es Muslime, die zu Terroristen werden? Ja
Gibt es Sexismus unter Muslimen? Ja
Gibt es Antisemitismus unter Muslimen? Ja
Gibt es muslimische Männer, die ihre Frauen schlagen? Ja
Gibt es unter Muslimen Ehrenmorde? Ja
Gibt es Muslime, die gezwungen werden ein Kopftuch zu tragen, unter Zwang eine Ehe einzugehen? Ja

Ja. All das gibt es.
Was kann man tun?
Es hilft nicht nur zu sagen: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“
Denn viele dieser Menschen nutzen gerade den Islam, um ihre Schandtaten zu rechtfertigen.

Unsere erste Aufgabe ist es selbstverständlich innerhalb der Community dagegen vorzugehen.
Tun wir genug gegen den sozialen Druck innerhalb unserer Communities? Gegen den Missbrauch des Islams für nicht-islamische Praktiken? Gibt es ausreichend Anlaufstellen in muslimischen Gemeinden für Frauen und Männer, die Gewalt und Diskriminierung erfahren? Für Eltern, die sich um die Entwicklung (gemeint ist Radikalisierung) ihre Kinder sorgen?

2017: Bei meinem Vortrag bei der Jungen Islam Konferenz (einem Dialogforum für muslimische und nichtsmuslimische Jugendliche) ermutigte ich die Jugendlichen, sich nicht auf ihre religiöse Identität (zu) reduzieren (zu lassen), und dabei aktiv solidarisch mit anderen Minderheiten, wie beispielsweise LGBTQ oder jüdischen Communities, zu sein.

2017: Bei meinem Vortrag im Hamburger Ramadan Pavillon sprach ich darüber, sich insbesondere in diesem heiligen Monat mit Missständen innerhalb der Gemeinden zu beschäftigen. Sexismus, Gewalt gegen Frauen (Bsp. Jahrestag der Ermordung von Hatun Sürücü), Homofeindlichkeit und vielen anderen Themen und Missständen. Meinen vollen Vortrag können Sie hier nachlesen.

2017: Das Münchner Forum für Islam lud mich gezielt zum Thema “Innerislamische Toleranz” ein. Darin geht es um den Sexismus, den Frauen erfahren, um die Obsession mit dem Kopftuch, Rassismus, Homofeindlichkeit und viele andere Themen. Mein Vortrag dort ist online nachzusehen bzw. hier unten eingebaut:

Trotzdem bleibt ein Großteil der Arbeit von muslimischen Feminist*innen und Frauenrechtler*innen unsichtbar für die Öffentlichkeit. Über “die Arbeit im Stillen” habe ich in der Taz einen ausführlichen Essay geschrieben.

[2] “Die Kontaktschuld [..] stellt die äußerliche Tatsache eines >Kontaktes< mit anderen zu Recht oder zu Unrecht politisch verdächtigten Meinungsträgern als solche heraus, ohne daß es im mindesten eine Rolle spielt, von welcher Art die Beziehungen waren oder welchen Inhalt die bei Gelegenheit des >Kontaktes< geführten Gespräche gehabt haben. Statt die Diffamierten selbst zu zitieren und über den sachlichen Gehalt ihrer >Kontakte< zu berichten, werden Orte genannt, an denen sie sich aufgehalten […], oder Personen, mit denen sie gesprochen haben […], werden Publikationsorgane, in denen sie geschrieben, Veranstaltungen, auf denen sie gesprochen haben, Organisationen, in denen sie mitwirken, politisch verdächtigt und sodann ein Rückschluß auf die politische Einstellung der Angegriffenen selbst gezogen.”
Karl A. Otto: APO – Außerparlamentarische Opposition in Quellen und Dokumenten (1960–1970), Köln 1989, S. 91.

5.
“HAUSTÜRKEN”

Eine Wort-Kreation, die ich das erste und letzte Mal 2013 in einer Kolumne (und nur wenige Tage danach in einer kritischen Reflektion zu dem Begriff) als Kritik an türkeistämmigen Islamkritiker*innen verwendete, die damals durch ihren Kronzeug*innen-Status medial einen Freischein für rassistische, diskriminierende Aussagen erhielten. Diesen Begriff habe ich damals weder verwendet, um regimekritische Türkeistämmige zu diffamieren, wie das heute der Fall ist, (das geschah erst ca. zwei Jahre später und nicht 2013, wie sich hier sehr einfach nachvollziehen lässt), noch habe ich diesen Begriff je in dem kritisierten Kontext verwendet. Ich lehne ich ab. Zumal ich schon 2013 diesen Begriff für unpassend hielt.

6.
KOPFTUCH &
SOLIDARITÄT

Selbstverständlich bin ich aus tiefster Überzeugung solidarisch mit Frauen, die das Kopftuch nicht tragen wollen oder ablegen – immer wieder, sei es in meinen Vorträgen und Texten oder in den Organisationen und Vereinen, die ich gegründet habe (– und erst recht in meinem privaten Umfeld mit sehr vielen engen Freundinnen, die das Kopftuch abgelegt haben). Hier ein Text über Freundinnen von mir, die es abgelegt haben. Hier ein Kommentar dazu. Und auch hier ein Ausschnitt aus einem meiner vielen Postings zum Thema Kopftuch:

Frauen* können sich für oder gegen das Kopftuch entscheiden. Keine darf aufgrund ihrer Entscheidung diskriminiert werden – von niemandem. Und nochmals: Wir müssen aufhören mit unserer Kopftuch-Obsession – Muslime wie Nichtmuslime. Ich weiß, ich wiederhole mich und ich bin es müde: Ein Kopftuch macht nicht religiös, kein Kopftuch macht nicht ungläubig.

7.
ANGRIFFE
DES EMMA
MAGAZINS

Gegen die Vorwürfe einer*s anonymen Autor*in im EMMA Artikel der Januar/Februar-Ausgabe 2018 bin ich inzwischen erfolgreich juristisch vorgegangen. Ein großer Dank geht hierbei an alle, die gespendet und die Crowdfunding-Kampagne unterstützt haben, sodass ich die Anwaltskosten finanzieren konnte.

Für Interessierte hier ein paar mehr Worte zu dem Juristischen und den einzelnen Vorwürfen:

INFORMATIONEN ZUM URTEIL

Die juristische Unterscheidung zwischen zulässiger Meinung und unzulässigen Tatsachenbehauptungen ist diffizil – Gerichte streiten sich darüber jahrelang. Das Grundgesetz gewährt der Meinungsfreiheit zu Recht einen sehr weiten Raum und erachtet auch polemische, übersteigerte, irrationale und scharfe Kritik als schützenswert, nicht aber unwahre Behauptungen.

Die EMMA hatte in drei Fällen die Grenzen der zulässigen Kritik überschritten, wie das Landgericht Stuttgart nun rechtskräftig feststellte: So hatte EMMA mir Aussagen über Integration in den Mund gelegt, die ich nie getätigt hatte und die mich deshalb – so das Landgericht – in meinem „sozialen Geltungsanspruch beeinträchtigen“ und mich in meinem Persönlichkeitsrecht verletzen.

Bezüglich eines weiteren Vorwurfs, in dem die Emma mir ein Zitat meiner Interviewpartnerin über Salafismus zuzuschreiben versucht hatte, befand das Gericht: „Die Äußerung verletzt die Klägerin in ihrem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, weil sich für die Wahrheit des Tatsachenkerns keine Anknüpfungstatsachen finden lassen.“

Auch in dem Vorwurf, über Missbrauchsvorwürfe zu schweigen, sah das Gericht schließlich eine „unwahre Tatsachenbehauptung“ der Emma, die mich in meinem Persönlichkeitsrecht verletzte.

Und was ist mit den übrigen vier Aussagen, gegen die ich mich wehrte?

Das Gericht sah diese (u.a. die Behauptung, wir “#ausnahmslos-Frauen” würden “jeden des ‘Rassismus’” bezichtigen, der darauf aufmerksam macht, “dass es sich bei den Tätern” der Kölner Silvesternacht 2015/2016 “überwiegend um junge Männer aus traditionell patriarchalen und islamistisch verhetzten Ländern gehandelt habe” oder die Behauptung, ich würde mir anmaßen, für alle Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis zu sprechen) als gerade noch zulässige Meinungsäußerungen und Bewertungen, bei denen die Presse- und Meinungsfreiheit im Ergebnis überwog. Das Gericht hielt diese Aussagen nicht für wahre Tatsachen, sondern allenfalls als „Meinungsäußerung mit Tatsachenkern“.

Solche Meinungen ließen sich laut Gericht nicht “im Wege des Beweises als wahr oder unwahr feststellen”. Dafür sei der Gehalt der Emma-Behauptungen schlicht zu “substanzarm” – und das Gericht legte sie letztlich, nach dem Grundsatz „Im Zweifel für die freie Rede“, meinungsfreundlich aus.

ZU DEN EINZELNEN VORWÜRFEN

Die Journalistin Melanie Christina Mohr hat eine ausführliche Replik geschrieben, die hier zu finden ist und eigentlich alles Notwendige erklärt. Dennoch, hier en detail:

A – Der Satz “Die Salafisten hätten ‘auch viel Gutes gemacht’” stammt nicht von mir. Es handelt sich hier um ein Zitat einer Schülerin, die an ihrer Schule gegen Salafisten kämpft. Hier nachzulesen. Diese Aussage habe ich auch nicht “zustimmend” zitiert.

B – Zu Sexismus und sexualisierter Gewalt in islamischen Gemeinden, insbesondere ausgehend von Intellektuellen, Predigern und anderen Verantwortungsträger*innen, habe ich nicht geschwiegen, sondern sie scharf öffentlich kritisiert. Hier ein ausführlicher Tweet-Thread, den ich nach Bekanntwerden von sexuellem Missbrauch in islamischen Gemeinden schrieb.

C – Ich bewege mich nicht im Kontext oder Umfeld des schiitischen Islamischen Zentrums Hamburg (IZH). Das IZH ist der Stadt Hamburg per Staatsvertrag verbunden. Regelmäßig finden dort öffentliche Veranstaltungen statt, zu denen Hamburger Politiker*innen, Medienschaffende, Wissenschaftler*innen etc. eingeladen werden.  So war ich 2016 einmal Podiumsgast zum Thema “Muslime und Medien”. Dort sprach ich über die mangelnde innerislamische Diskurs- und Kritikkultur sowie über Öffentlichkeiten, in denen Missstände innerhalb muslimischer Gemeinden thematisiert und diskutiert werden können. [siehe Punkt 4]

D – Zu den Verhaftungswellen in der Türkei habe ich nicht geschwiegen, wie man hier in diesem Text oder auch hier oder hier nachlesen kann.

E – Ich habe nie behauptet, dass „Integration hochgradig diskriminierend“ sei, da sie einer „Selbstaufgabe der eigenen Identität gleichkomme“. Die Äußerung „integration is highly discriminatory” stammt von einer feministischen Aktivistin in England. Ich stellte diese Aussage 2011 auf Twitter lediglich, als Zitat kenntlich, zur Diskussion. [Ausführlichere Positionierung zum Thema Integration, siehe unten “Position zu Integration”]

So erklärte ich 2012 in einem Interview auf Goethe.de dazu:

„[…] Vor Kurzem haben Sie bei Twitter geschrieben: „integration is highly discriminatory“, also „Integration ist hochgradig diskriminierend“. Wie ist das gemeint?

Das ist ein Zitat von einer feministischen Aktivistin hier in England. Es geht um die Frage: Wo ist die Grenze zwischen Integration und Assimilation? Was muss jemand tun, der integriert sein will? Es gibt in Großbritannien eine ähnliche Debatte wie in Deutschland. Ich denke da auch an die Diskussion, die ich mit Thilo Sarrazin in einer BBC-Sendung hatte. Ich habe mich vorgestellt, gesagt, was ich mache, und ihn gefragt: Was wollen Sie von mir? Und er sagte zu mir: „I want you to integrate“. Was soll ich noch tun, damit ich in seinen Augen als integriert gelte? Offenbar ist hier mit Integration Selbstaufgabe gemeint, ein Ablegen der eigenen Identität. […]“

Hier ist die in Bezug genommene Diskussion mit Thilo Sarrazin abrufbar (ab Minute 39).

POSITION ZU INTEGRATION

Wenn ich sage, dass man statt Integration Partizipation einfordern sollte, dann nicht, weil ich Integration ablehnen würde, im Gegenteil, sondern weil Menschen erst durch Partizipation letztlich integriert sind. Fatih Akin, Jérôme Boateng, Shermin Langhoff, Dunja Hayali und etliche andere prominente Persönlichkeiten, die als “integriert” gelten, sind Menschen, die sich eingebracht haben (wie ich vor 11 Jahren in einem zugespitzten Text versuchte zu erklären). Eine moderne Integrationspolitik sollte Partizipation möglich machen – u.a. durch Anerkennung, Chancengerechtigkeit und Teilhabemöglichkeit für alle Bürger*innen dieser Gesellschaft, ob in Stadt oder Land, ob arm oder reich, mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund, religiös oder atheistisch. Damit Menschen letztlich integriert sind.

Selbstredend stellen die Pluralität unserer Gesellschaft, das Grundgesetz, Freiheit, Recht und Ordnung die Rahmenbedingung für Partizipation dar.

8.
SCHLUSSWORT

Die Welt ist komplexer als die Kategorien, in denen bislang häufig gedacht worden ist. Ich kann deshalb nachvollziehen, dass Menschen, die mich nicht in einfache Schubladen einordnen können, irritiert sind und dass diese Ambivalenz mancherorts Abwehr erzeugt. Weil sie sichtbare Religiosität nicht mit Emanzipation und dem Einsatz für Gerechtigkeit, eine plurale Gesellschaft und Freiheit zusammenbringen können – oder wollen. Oder jene, die ein Grundmisstrauen gegen Religionen und Religiöse haben.

Ich weiß, dass ich für manche dieser Personen eine Projektionsfläche bin. Dass es in den seltensten Fällen tatsächlich um mich, meine Arbeit oder meine Person geht, sondern vielmehr um das, was diese Menschen in mir sehen möchten. Deshalb lassen sie sich auch nicht mit Beweisen und Belegen umstimmen. Sie klammern sich weiterhin fest an ihre Projektionen. Sie sehen das, was sie sehen möchten. 

Auch wenn es absurd ist, dass ich überhaupt eine derart akribische Dekonstruktion dieser Verschwörungstheorien veröffentlichen muss: Womöglich – hoffentlich – tragen sie zur Klärung bei.

Wachsen & Dankbarkeit

Und: Ich lerne, jeden Tag. Beziehungsweise: Ich unlearne. Ich unlearne Sexismus, Rassismus, Transfeindlichkeit, Antisemitismus, antimuslimische Rassismus, Ableismus, Klassismus etc. Eigentlich, so wie wir alle, die stetig versuchen, ein wacher, besserer, soldarischer Mensch zu sein. An sich zu arbeiten. Zu lernen. Ein beständig kritischer Blick auf sich selbst.

Nicht zuletzt möchte ich meine Dankbarkeit ausdrücken. Bei all meinen Freund*innen, die sich zusammen mit mir auf den Weg machten, diese Reaktionen einzuordnen, einen Umgang damit zu finden, meine Makel und Schwächen zu erkennen, an ihnen zu arbeiten, zu lernen und zu wachsen. Ich danke euch von Herzen. Und auch bei all jenen, die Kritik übten, bedanke ich mich herzlich. In jeder (konstruktiven) Kritik sehe ich auch die Möglichkeit zu wachsen. So war jede Auseinandersetzung eine lehrreiche für mich, die mich hat wachsen lassen. Für diese Momente bin ich dankbar.